Hunger und Camille

Es gab bisher nicht viele Momente, in denen ich dem Französisch-Unterricht der Schule nachtrauerte – seit meinen Traumata mit schlechten Klausurnoten wegen ständig vergessener Genus- oder Numerus-Anpassungen hatte ich schon im zweiten Jahr ein schnelles Ende des Sprachunterrichts herbeigesehnt und nur noch wenig für eine Verbesserung der Kenntnisse getan. Und wie es halt immer so im Leben läuft, bereut man die eine oder andere Jugendsünde – oder hasst die pädagogisch unfähigen Lehrerinnen von damals (ich hatte in Französisch nur weibliche).

Jedenfalls war vergangenen Mittwoch einer der Abende, an denen ich mir wünschte, ich würde mehr verstehen als eine Handvoll Substantive und Verben. Okay, die Bedingungen waren erschwert, da zumeist gesungen wurde, aber ich hätte gerne mit dem frankophilen Publikum mitgelacht, als Camille bei ihrem Konzert in der Muffathalle ihre ab und zu wohl recht humorigen Liedtexte zum Besten gab. Trotzdem kam ich auch so auf meine Kosten, denn auch ohne viel von den besungenen Themen mitbekommen zu haben (ehrlicherweise bemühte ich mich auch bei den englischsprachigen Songs nicht besonders um das Textverständnis), war es eine wunderbare Performance. Die ursprünglich als klassische Chanson-Sängerin bekannt gewordene Parisienne, die auch beim Projekt Nouvelle Vague teilnahm, welches alte New Wave- und Punk-Klassiker in Bossa Nova-Form interpretiert, ist experimentierfreudig und hat sich zu einer Vokalartistin entwickelt, deren Ausdrucksform nicht mehr nur der gefällige Gesang ist. Es ist die Gesamtperformance ihrer Show, mit der die Dreißigjährige ihr Publikum verzaubert. Sie wirkt sensibel, aber auch kraftvoll und – im positiven Sinne – durchgeknallt. Auch wenn ich den Vergleich mit Björk unangebracht finde: ich kann mir vorstellen, wie man darauf kommen mag. Beim Auftritt darf man natürlich die begleitenden Künstler nicht außer Acht lassen: neben zwei Background-Sängerinnen und einer Pianistin waren noch zwei attraktive Tänzer auf der Bühne, die das weibliche Publikum auch verzückt hätten, wenn sie nicht rhythmisch geklatscht und auf dem mikrofonierten Bühnenpodest gestampft hätten.
Sie waren aber nicht die einzigen männlichen Begleiter und ihre beiden Kollegen waren für meinen Geschmack deutlich beachtenswerter: die beiden Beatbox-Künstler Sly und Ezra, von denen ich zufälligerweise erst kürzlich ein Interview mit einer Kostprobe ihres Könnens (ab 3:17) sah, haben einen Großteil der Songs begleitet und auch Solo-Parts gehabt.

Als Beispiel für die gebotene A Capella-Performance und Crazyness hier das offizielle Video einer recht aktuellen Single:

Manch einer mag sie auch bereits aus einem Ford-Werbespot kennen, weitere Songs und Livemitschnitte findet man natürlich auf YouTube.

Gerahmt wurde Camilles Auftritt übrigens vom Supporting Act Sophie Hunger, eine im vergangenen Jahr hie und da gehypte Schweizer Sängerin, die mit ihrer musikalischen Vielfalt und wunderbar klaren Stimme ebenfalls sehr beeindruckte und bei der letzten Zugabe des Abends die Bühne nochmal für eine gemeinsame Improvisation betrat:

Camille, Sophie Hunger & Company

Camille, Sophie Hunger & Company


Alles in allem wars ein sehr schöner Konzertabend zum Genießen.

Flattr this!


Leave a Reply